Auszug aus dem Chronikbuch der 50. Session


Wie alles begann ...

Wie es begann – darüber gibt es in Neustadt verschiedene Erinnerungen und Meinungen. Die einen sagen, Wilhelm Pieck habe 1954 die DDR zum Karneval aufgerufen und in Neustadt habe dieser Aufruf eben Früchte getragen. Andere erinnern sich, dass der närrische Impuls in Duhlendorf vor genau 50 Jahren von der FDJ-Bezirksschule ausging, die gerade von Camburg nach Neustadt - ins Schloss - verlegt worden war. Pro Vier-Wochen-Lehrgang waren 80 bis 90 junge Leute in der Orlastadt. Aber außer gelegentlichen Tanzabenden war nichts los. Man brauchte eine Art zusätzliche, dauerhafte Kultur. Der Leiter der Schule, Horst Pavel, und der Lehrer Gerhard Reißig wandten sich nun mit dem Vorschlag, Karneval zu veranstalten, an den Rat der Stadt und an die Partei-Ortsleitung. Es gab zunächst Widerstand, vor allem, weil man hier glaubte, in Neustadt gäbe es nur Karnevalsmuffel. Aber es wurde dann doch so beschlossen, erinnert sich Gerhard Reißig genau.

Die Gründung der Karnevalgesellschaft „Duhlendorf“ fand schließlich am 29. November des Jahres 1954 im damaligen „Klaußnergarten“ statt. Eingeladen waren 46 Persönlichkeiten der Stadt, es kamen 28.

Und weil der 11.11. bereits vorbei war, beschloss man, mit dem Karneval in Neustadt am 12.12. zu beginnen und bildete deshalb einen Zwölferrat, statt eines Elferrates. Der Duhlendorfer Zwölferrat bestand drei Jahre, weiß Gerhard Reißig – er war eines der Gründungsmitglieder.

Die Legende von dem Aufruf des Präsidenten Wilhelm Pieck, wonach eben nicht nur das Rheinland, sondern auch die DDR richtig Karneval feiern solle, hielt sich lange in Neustadt. Aber es gab noch eine weitere, ebenso gern verbreitete Geschichte, wie der Karneval in Neustadt entstanden sein soll. Wieder und wieder wurde sie von den älteren Karnevalisten an die jüngeren weitergegeben: Demnach trafen sich 1954 in Neustadt ein paar Unternehmungslustige, die oft am Stammtisch zusammen hockten, und hatten die Idee, doch etwas zu veranstalten, was von den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, die von ständigen Auseinandersetzungen des kalten Krieges geprägt war, ablenkte.
Vielleicht war das die richtige Mischung: Jugendschulleiter, Einzelhändler, Handwerker, Gastwirt, Werkleiter und einige aufgeweckte Kerle dazu. So habe man sich zusammen getan und weil überall wachsame Funktionäre argwöhnisch schauten, hat man wohl diese kleine Geschichte vom Präsidenten-Aufruf genutzt, um immer wieder ein gutes Argument für den Karneval zu haben. Den Aufruf hat es sicher gegeben, wahrscheinlich zu einer „besseren Gestaltung des Jugendlebens“. Selbst die Elferrats-Mitglieder der Zeit um 1970 wissen noch, wie gut es war, wenn man in Gesprächen beim Rat des Kreises oder beim Rat des Bezirkes auf diese Gründungsgeschichte kam.

An den ersten Karneval in Duhlendorf kann sich Johanna Gruner, sie war Mitglied des Hofstaates, noch genau erinnern. Am Karnevalssamstag traf man sich am frühen Nachmittag im Hof des Neustädter Schlosses. Die ersten Aktiven – das waren der Zwölferrat, das Prinzenpaar, der Zeremonienmeister, sechs Hofdamen und sieben Gesandte aus verschiedenen Ländern.

Die drei tollen Tage begannen am Samstag mit dem Kinderfasching in der Stadthalle und wurden am Abend mit dem Besuch der Karnevalgesellschaft in fast allen Neustädter Gaststätten fortgesetzt. – Die närrische Tour endete am ersten Tag im Marktcafe, in den frühen Morgenstunden.

Am Sonntag wurden am Bahnhof Gesandte „aus Honululu“ empfangen. Gemeinsam mit dem närrischen Hofstaat gings auf den Marktplatz, weiter ins Goethestadion zu einem Spiel der Neustädter Fußballer und schließlich am Abend wieder durch die „Kneipen“. Höhepunkt der ersten Session war der in Neustadt einmalig gebliebene Rosenmontagsumzug. Danach fanden alle Karnevalsumzüge immer am Sonntag statt. Dieser erste Umzug blieb den Aktiven fest in Erinnerung – es war ein großartiger Auftakt für eine schöne Tradition, mit fröhlichen Narren und geschmückten Wagen, sogar die Straßen waren geschmückt. Am den „Stadttoren“ standen Posten und kassierten einen Zoll. Und das alles trotz 20 Grad unter Null.

Auch am dritten Abend wurde noch in einigen Gaststätten bis zum nächsten Tag dem närrischen Treiben gefrönt. – Ein wunderbarer Start für den Karneval in Neustadt war gelungen.

Spricht man von den Anfangsjahren des Duhlendorfer Karnevals, muss man auch daran erinnern, wie die ersten Narren ihr Publikum warben: Die jungen Karnevalisten fuhren nämlich mit Kutsche oder Pferdeschlitten in die Dörfer des Kreises und informierten mit dem Megaphon die Einwohner.
Wenn auch keine Besucherzahlen der ersten Jahre mehr bekannt sind: gewiss ist, das der Karneval in der Stadt in vielen Sälen stattfand: zum Beispiel im Klaußnergarten, im Saal von Böttchers Hotel, in der Gamsenteich-Turnhalle, im Volkshaus, im Tewa-Saal, in Moderwitz, im Wotufa-Saal, in der Stadthalle und in Börthen.

Natürlich hatte die neugegründete Karnevalgesellschaft noch nicht viel Geld und so bestand die Kleidung des Zwölfer-Rates aus schwarzer Hose, weißem Hemd, „Käppi“ und Schärpe. Als Taschengeld für die Minister gab es 25 Mark für die Drei Tollen Tage. Das Entrittsgeld betrug ca. 2.50 Mark.

Finanziell ging es in der Karnevalgesellschaft anfangs rauf und runter. Mal gab es einen Überschuss durch gutes Musikprogramm, dann wieder ein Defizit durch ein Parkfest.
Die Stadt Neustadt stellte zuerst einen kleinen Betrag zur Unterstützung des Karnevals zur Verfügung. In den Jahren 1961 bis 1966 konnte Gerhard Reißig persönlich dafür sorgen, dass diese Unterstützung nicht ausblieb, denn er war damals Neustädter Stadtsekretär.

Seit dem ersten Jahr des Duhlendorfer Karnevals gab es, wie schon erwähnt, den Karnevalsumzug. Es gab viele Festwagen, die Ausgestaltung war zunächst spartanisch, mit der Zeit immer aufwändiger, bunter und größer, jedoch stets ohne feste Themen. So hat sich das bis heute erhalten. Denn der Duhlendorfer Karneval kennt kein Motto. Aber die Narren waren stets gesellschaftskritisch, zum Beispiel in den 60ern gegen Handelsprobleme in der DDR oder gegen die Pariser Verträge „Wir wollen Pariser und keine Verträge!“.

Von Anfang an wurden die närrischen Gesandten vom Bahnhof abgeholt. Einmal gab es ziemlichen Ärger mit der Bahn, weil die Karnevalisten das Bahnhofsschild in „Duhlendorf“ geändert hatten.

Später, ab dem 14. Duhlendorfer Karneval, kamen junge Leute in den Elferrat und in die närrischen Garden und Gruppen. Es wurde dem Programmablauf mehr Aufmerksamkeit geschenkt, Tanzgruppen gegründet und ausgebildet, die Organisation wurde verbessert und sofort kamen mehr Gäste ins Volkshaus und in die Stadthalle.
Die Gala-Abende kamen auf und als dann in den 70er Jahren das „Glashaus“ („Ernst-Thälmann-Haus“, das war Kulturhaus und Speisesaal des VEB Draweba) zur Verfügung stand, stieg das allgemeine Niveau dieser Veranstaltungen noch einmal merklich. In modern-gediegenem Ambiente gab es Platz für 600 Gäste.

Schon seit den 50er Jahren gehörte die Karnevalgesellschaft zum Kulturbund. So konnten die Narren recht gut, ohne große Gängelung von oben, ihrem geliebten Hobby nachgehen.

Der Karnevalsumzug einschließlich der Gesandten-Abholung am Vormittag wurde allmählich zur Großveranstaltung, die nicht nur uns Karnevalisten sondern auch dem Rat des Kreises Pößneck bis 1989 einiges abverlangte. Aber es klappte.

Und weil sie nicht gestorben sind, feiern die Narren in Neustadt noch heute ihren Karneval. Inzwischen hat die Gesellschaft über 300 Mitglieder, zum großen Karnevalsumzug kommen Jahr für Jahr um die 20 000 Besucher. Es wurden immer wieder neue Säle für den Fasching gefunden, teils auch neu gebaut, andere wurden umfunktioniert oder gar abgerissen.

Zum Glück besitzen die Duhlendorfer Narren immer noch Improvisationstalent. Eine moderne Turnhalle verwandeln sie heute jeweils binnen ein paar Stunden in einen Faschingssaal. Und erst das Badfest! In den vergangenen zwölf Jahren fand es weiter statt, obwohl es seit 1990 in der Stadt gar kein öffentliches Bad (mehr) gibt.
Auch deshalb kann man sicher sein, dass die Duhlendorfer auch die nächsten Jahren ausrufen werden:

ein dreifach Duhlendorf Krah

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